Eine Kirche wird zum Rathaus
In der Bullingerkirche im Zürcher Kreis 4 wird künftig politisch debattiert statt Gottes Wort verkündet. Mitglieder des Kantonsrats sowie Journalistinnen und Journalisten haben am 23. Januar 2023 erstmals Gelegenheit erhalten, die von den Zeugnissen der kirchlichen Vergangenheit befreiten Räume zu besichtigen. Bis zum Abschluss der Sanierung des Rathauses 2027 werden der Kantonsrat, der Stadtzürcher Gemeinderat und die Kirchenparlamente hier tagen.

Der neue Ratssaal im Provisorium in der ehemaligen Bullingerkirche (Foto: Hannes Henz)
Am 20. Februar soll der Kantonsrat erstmals eine Sitzung im neuen Ratssaal durchführen. Bei den Politikerinnen und Politikern weckte der Besuch viel Vorfreude auf den Einzug. Die hufeisenförmig angeordneten Sitzreihen Ende Februar verströmen deutlich mehr Parlamentsatmosphäre als die Messehalle in Oerlikon, die als Pandemieprovisorium gute Dienste geleistet hat. Zudem finden die Fraktionen in den verschiedenen Nebenräumen genug Platz für ihre Sitzungen.
Auch nur ein Provisorium
Ein richtiges Rathaus sei es, bemerkte Kantonsratspräsidentin Esther Guyer von ihrem neuen Präsidentinnenstuhl. Auch Baudirektor Martin Neukom zeigte sich angetan. Gleichzeitig äusserte er die Hoffnung, dass es den Räten dann doch nicht zu sehr gefalle, weil ja auch dieses Haus nur als Unterkunft auf Zeit vorgesehen ist. Entsprechend wurden die für den neuen Zweck veranlassten Umbauten so vorgenommen, dass sie wieder ausgebaut werden können. Verantwortlich für den Umbau ist die Ernst Niklaus Fausch Partner AG.
Das auffälligste Gestaltungselement im neuen Ratssaal sind die grauen Filzbahnen, die unter anderem an den drei grossen in konzentrischen Kreise angeordneten Lampen in der Mitte des Saals aufgewickelt sind. Sie erfüllen zusätzlich die wichtige Funktion, den Hall aus dem Saal zu nehmen, der zur Predigt von der Kanzel passen mag, nicht aber zu einer politischen Debatte. Wer Wert darauf legt, dass seine Worte nachhallen, wird das also mit dem Inhalt allein bewirken müssen. Der Filz verdeckt zudem an verschiedenen Stellen Sakrales, beispielsweise die Orgel. Sie wird aber weiterhin mindestens einmal im Monat gespielt werden, damit sie keinen Schaden nimmt.
Viel mehr Platz
Grosszügiger ist das Platzangebot in der vormaligen Bullingerkirche nicht nur für die Politiker, sondern auch für Besucherinnen und Besucher. Sie haben Zugang zu einem Foyer und zur Zuschauertribüne mit 50 Plätzen. Und wer in der Zeit der Sanierung das alte Rathaus vermisst, erhält im neuen Provisorium zudem Gelegenheit, es virtuell zu besuchen.