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Style Check im Kantonsrat

Wie kleiden sich die Zürcher Kantonsrätinnen und -räte zu ihrem wöchentlichen Zusammentreffen? Ein Augenschein im provisorischen Rathaus in der Bullingerkirche.

Fotos und Text von Jeroen van Rooijen

Jeroen van Rooijen Carte blanche Style Watch im Kantonsrat

Lifestyle-Journalismus steht oft unter dem Generalverdacht der Oberflächlichkeit und Bestechlichkeit – wohl zu recht, denn nur selten bereiten sich Stil-Reporter gewissenhaft auf ihre Themen vor bzw. pochen auf ihre Unabhängigkeit, wenn es um das Formulieren ihrer Stories geht. Zu oft wird in freundlichen Floskeln parliert und ein Verdikt in Watte verpackt, um die guten Beziehungen zu den Anzeigentreibenden nicht zu belasten. Ich hab‘s ja selbst lange so gemacht!

Heute wollen wir mal Tacheles reden! Denn zum Glück habe ich keine Interessenbindung oder -konflikte. Ich kenne keinen der 180 Zürcher Kantonsrät*innen persönlich und treibe keinerlei Geschäfte mit ihnen. Auch kaufen sie nicht bei mir ein – zumindest nicht, dass ich es wüsste. Die meisten wirken so, als würden sie ohnehin nicht gerne einkaufen! Damit fügen sie sich in das Bild ein, das ich in den letzten Jahren von den Akteur*innen im Politbetrieb gewonnen habe: Es scheint, als wäre Modekompetenz etwas, das im politischen Alltag eher schadet als nützt. Die Devise lautet: Bloss nicht auffallen!

Carte blanche Style Watch Jeroen van Roojen Casual Cool

Auf meinen Besuch im Zürcher Kantonsrat – zur Debatte über die Spitalkosten vom Montag, 28. September – habe ich mich gut vorbereitet. Nicht aufs Thema – ich halte die Schweizer Spitäler zwar für formidable Errungenschaften voller ehrenwerter Menschen, doch das Gesundheitswesen als Ganzes ist ein ungesicherter Selbstbedienungsladen. Die Leute, die zum Thema debattierten, die interessieren mich aber. Also habe ich die Galerie der 180 Mitglieder des Rates gescannt, mich mit Namen und Parteien vertraut gemacht, stichprobenartig die Listen der Vorstösse studiert und fasziniert die vielseitigen Interessenbindungen der Rät*innen kennengelernt. Ich weiss jetzt: Diese Politiker*innen sind überwiegend sehr diszipliniert (durchschnittlich 95% anwesend!), obwohl sie alle viele verschiedene Hüte tragen (metaphorisch gemeint).

Etwas, das mir schon bei einem Besuch im Bundeshaus in Bern vor Jahren aufgefallen war: Die Frauen und Männer rechts der Mitte (SVP FDP, EDU) interessieren sich mehr für Kleidung und ziehen sich tendenziell etwas bewusster an als jene auf der linken Seite des Rats (SP, Grüne, GLP). Es geht bei Kleidung – anders als bei der Mode, feiner Unterschied! – oft um die Pflege von Traditionen, und das ist das Terrain der Konservativen. Im linken Milieu wird Kleidung dagegen wohl mit Konsum und Luxus assoziiert, und damit punktet man bei der Zielgruppe nicht. Dafür wird Individualismus belohnt – die Exot*innen sitzen also oft links. Als Stil-Berichterstatter sucht man bei der Arbeit immer nach Auffälligkeiten, also nach der Abweichung von der Norm. Wo Menschen nicht Mainstream sind, ist meistens eine gute Stil-Anekdote zu finden.

Carte blanche Style Watch Jeroen van Roojen Smart Casual

Felix Hoesch (SP) sieht etwa aus, als könnte er gut E-Gitarre spielen, in einer Partyband, die Rock-Klassiker nachspielt - Fehlanzeige, er spielt tatsächlich kein einziges Instrument, wie er gestand. Dafür trägt er immer einen bunten Schal, sein Markenzeichen. Ausserhalb der Konventionen kleidet sich auch seine Ratskollegin Wilma Willi (Grüne) – sie war an dem schönen Spätsommer-Montag Ende September die einzige mit einem weich fliessenden Kleid, das man auch gut zu einer Gartenparty hätte tragen können. Der weisse Schal dazu: Sehr elegant.

Etwas weniger als die Hälfte der gewählten Ratspersonen sind Frauen, doch sie greifen in der Regel nicht zu femininen Elementen wie Kleidern oder Röcken, sondern zu Blusen und Blazer, seltener zu Shirts oder Pullovern, wenn sie sich fein machen. Man sieht noch immer viel skinny Hosen und knapp sitzende Blazer – die Nachricht von den weiteren Volumen und entspannteren Passformen ist noch nicht bis zu den Kantonsrätinnen vorgedrungen. Ein Overall, wie ihn Martina Novak (GLP) trug, ist gar gänzlich exotisch und fällt entsprechend auf! Luxus-Accessoires wie teure Taschen und Foulards sind nur vereinzelt zu sehen. Doch Perlenketten scheinen hoch im Kurs, gerade für Rätinnen der Mitte sind sie ein inoffizielles Erkennungszeichen.

Carte blanche Style Watch Jeroen van Roojen Individual Style

Krawatten werden fast nur noch von der SVP, EDU und der FDP getragen – Ausnahmen gibt es, aber sie sind dann so exotisch wie der eine Mann mit der karierten Brille (Thomas Schweizer, Grüne) oder der kuriose Rüschenkragen, Markenzeichen des Winterthurer Grünen Jonas Pfister. Sind die Grünen vielleicht die letzten Fashion-Rebellen? Die meisten Männer im Rat tragen die heute übliche Langweiler-Uniform aus Hemd und Sakko (ohne Krawatte) mit heller Freizeithose und Sneakers. Das Hinterwäldler-Hemd (kontrastierender Kragensteg, dunkle Knöpfe auf hellem Grund) ist oft zu sehen: etwa zwanzig Prozent der männlichen Kantonsräte tragen so ein pseudo-flottes Hemd, ungeachtet von Partei oder Alter.

Am lustigsten war es mit Sandra Bienek (GLP), die zum ersten Mal eine neue Upcycling-Jacke aus alten Jeanshosen ausführte, die ihre Tochter für sie genäht hatte; mit Andreas Daurù (SP), der seinen entspannt-eleganten Look wirklich gekonnt komponiert hatte; mit Hans Egli (EDU) und Susanne Brunner (SVP), die liebevoll aneinander herumzupften und mit Chantal Galladé (GLP), die mit ihrem braunen Ensemble den perfekten Spagat zwischen lässig und chic schaffte!

Carte blanche Style Watch Jeroen van Roojen Business Mode

Das sind die Stilköniginnen und Stilkönige meines Kantonsrats-Besuchs vom 28. September 2026:
Links: Andreas Daurù (SP) und Wilma Willi (Grüne)
Mitte: Chantal Galladé (GLP) und Simon Vlk (FDP)
Rechts: Marion Matter (SVP) und Thomas Lamprecht (EDU)

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Jeroen van Rooijen (*1970) ist der bekannteste Schweizer Stilkritiker und Modejournalist. 15 Jahre lang schrieb er für die Neue Zürcher Zeitung, während acht Jahren war sein wöchentlicher „Stil-Tipp“ auf Radio SRF3 zu hören. Heute arbeitet er als freier Berater und betreibt im Viadukt in Zürich den Concept Store Cabinet.