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«Ich hasse Sitzungen»

Kolumnistin und Autorin Michèle Roten hat für die erste Ausgabe der «Carte blanche» eine Sitzung des Kantonsrates besucht. Sie hat graue Haare und hellblaue Hemden gezählt, sich über mangelnde Sonntagsschulmanieren gefreut – und sich plötzlich bei einem ungewohnten Gedanken ertappt: Kann es sein, dass sie die Position der SVP teilt?

Michèle Roten schreibt über die Kantonsratssitzung vom 30.08.2026

Ich hasse Sitzungen. Mir graust vor Besprechungen, an denen mehr als, sagen wir: drei Personen teilnehmen. Ganz einfach, weil mit jeder Person mehr erstens die Länge der Sitzung und ausserdem die Chance steigt, dass jemand dabei ist, die oder der nicht gut ist in Sitzungen. Sprich zu lange redet, nicht auf den Punkt kommt, Argumente, die schon gemacht wurden, wiederholt oder nicht merkt, wenn der Beitrag ins Leere geht. Was habe ich mich schon gelangweilt in Sitzungen. Rasend gelangweilt.

Am allerschlimmsten sind Sitzungen, bei denen einen das Thema nicht interessiert. Und im Klein-Klein der Politik sind derer nun mal viele. Punkt 22 der Verhandlungsgegenstände an dieser Doppelsitzung lautet: „Zentrumslasten und Zentrumsnutzen beim Zentrumslastenausgleich der Städte Zürich und Winterthur regelmässig evaluieren und anpassen“. Zentrum, Lasten, was? Punkt 44: „Verschiedene Mehrwertabgaben bei Auf- und Umzonungen“. Kill me now. Ich gehe mal davon aus, dass es vielen der Kantonsrät:innen ähnlich geht – umso dankbarer bin ich allen, die diesen Job machen. Denn dass er gemacht werden muss, ist klar. Sagen wir es so: Ich setze mich mit gemischten Gefühlen auf die Zuschauertribüne des Rathauses Hard.

Nach den Formalitäten geht es los mit dem Traktandum „Kindergartenstart – zielgerichtete Förderung und sinnvoller Ressourceneinsatz“. Die Regierung beantragt, den Vorstoss abzulehnen. Dass der Ausgang der Abstimmung also schon klar ist, hilft nicht wirklich, den Voten mit Spannung zu lauschen. Und die Rhetorik auch nicht. Jedem Schulkind wird beigebracht, Texte nicht einfach runterzuleiern, ohne Betonung, ohne Pausen, ohne Emotionen. Aber hier plätschern die Worte in einem steten, monotonen Singsang. Es hat auch etwas Beruhigendes. Ich drifte ab. Verschaffe mir einen Überblick. Gewisse Dinge sind einfach in der Politik: Links ist links und rechts ist rechts. Vom Bock aus gesehen, wie man das Präsidium vorne in der Mitte nennt. Rechts ist ein ruhiges Bild: Viele graue Haare, viele hellblaue Hemden. 32 Blazer, 12 Krawatten. Links ist bunter. Viele T-Shirts, sechs Blazer, eine Krawatte. Eine freche Brille. Die Mitte ist in der Mitte. Phänomenologisch schwer zu fassen. Vier von vier „Weltwochen“ im Saal liegen hier.

Ich bin nicht die einzige, die nicht zuhört. Viele der Kantonsrät:innen reden miteinander, einige lesen die Zeitung, sind am Computer oder am Handy, laufen herum. Es ist irgendwie schockierend. Da sagt jemand sein Textli auf und wird nonchalant ignoriert. Ich spüre fast schon körperlich, dass mir irgendwann mal beigebracht wurde, dass man zumindest so tut, als würde man zuhören, wenn jemand spricht. Gleichzeitig erquickt mich die Sittenlosigkeit. Weil sie ehrlich ist. Die Beiträge sind reine Kür. Und 220 Franken Sitzungsgeld wären definitiv zu wenig, wenn man auch noch Sonntagsschulmanieren an den Tag legen müsste.

In der Mitte steht ein Tisch mit braunen Lederstühlen. Wofür ist der eigentlich? Armdrücken, falls es ein Unentschieden gibt?

Das nächste Traktandum heisst „Verbindliche Richtlinien – keine Smartphones an der Schule“. Es kommt Leben in die Bude. Die Hauptargumente des Postulats sind: Schüler:innen sind schon genug am Handy, sie profitieren davon, wenigstens in der Schule davon befreit zu sein. Weil es vom Lernen, Spielen, Miteinander ablenkt. Andere Kantone machen es schon, eine kantonale Regelung entlastet Schulen, Lehrer:innen, Eltern. Die Gegenargumente: Keine Ahnung. Ich kann sie nicht dingfest machen. Medienkompetenz wird immer wieder erwähnt. Medienkompetenz, Medienkompetenz. Dass die Schule auch Medienkompetenz vermitteln muss. Aber warum das nur geht, wenn die Kids ein Smartphone dabeihaben, erschliesst sich mir in all den vielen, vielen Beiträgen nicht.

Ich sitze also da und plötzlich dämmert mir: Moment. Kann es sein… dass ich… die Position der SVP teile?

Tatsächlich. Der Vorstoss stammt von der SVP und ihre Argumente überzeugen mich für einmal mehr. Selbst der Vergleich von René Isler, als er daran erinnert, das man sich „vor vielen, vielen Jahren“ im Kantonsrat absolut einig war, als es um einen anderen Störfaktor in der Schule ging: Tamagotchis. Viel Geraune und Gemurmel, Kopfschütteln, auch verhaltenes Gelächter im Saal. In der Pause wird in der Schlange vor dem Bäckerei-Van darüber geflachst, dass der Boomer da wohl irgendwie hängengeblieben sei. Ich fand das Argument ganz stimmig. Als Tobias Weidmann sein Votum runtermörgelt, verstehe ich zum ersten Mal den „Jawoll!“-Tischklopf-Impuls von SVP-Wähler:innen.

Nach der Pause kommt das heisseste Thema des ganzen Tages: „Keine Unterdrückung von Frauen und Mädchen an Zürcher Schulen und Kindergärten“ – ein Titel, der ausser bei Hardcore-Faschos wohl bei jedem Menschen auf der Welt bloss ein schulterzuckendes „Wie könnte man denn dagegen sein?“ auslöst. Nur: Der Vorstoss kommt von der SVP. Und dann wird einem klar: Es geht natürlich nicht um „für die Freiheit von Frauen und Mädchen“ sondern um Kopftücher, vielmehr um „gegen den Islam“. Uuuund ich bin wieder fix und firm auf der linken Seite, die Weltordnung ist wiederhergestellt.

Es ist seltsam, wenn SVPler Dinge wie „männliches Machtinstrument“ sagen. „Patriarchaler Druck“. Oder wenn sie Alice Schwarzer zitieren. Bei mir auf der Zuschauertribüne haben sich inzwischen einige Frauen mit Kopftuch eingefunden. Sie lauschen lächelnd kopfschüttelnd und tuschelnd den Ausführungen von rechts. Und während von den vielen kopftuchtragenden Lehrerinnen die Rede ist (die schleichende Islamisierung der Schweiz!) und von kopftuchtragenden Frauen in der Migros an der Seite ihrer unterdrückenden Männer und von kopftuchtragenden zehnjährigen Mädchen, denke ich die ganze Zeit: Es muss für euch dermassen seltsam sein, wenn irgendwelche Leute (Kopftücher links, rechts, Mitte: 0) in einer offiziellen Sitzung verhandeln, warum ihr ein Kopftuch tragt und ob das okay ist oder nicht. Und dann kommt Mandy Abou Shoak von der SP und sagt genau das (nachdem von rechts gelacht wurde, als sie die „Gästinnen“ begrüsste). Dass sie als muslimische Frau es leid ist, dass ständig über sie gesprochen wird statt mit ihr. Dass Freiheit bedeutet, dass Frauen selbst entscheiden können.

Je länger die Sitzung dauert, desto mehr bewundere ich die Selbstbeherrschung der Kantonsrät:innen. Mir zumindest fällt es immer schwerer, nicht dazwischenzurufen. Aber wissen sie was? Ich langweile mich nicht. Und als um Punkt 12 Uhr, mitten in der Debatte die Mittagspause ausgerufen wird, was meinen Besuch beendet, bin ich fast etwas enttäuscht.

Dass ich nicht da bin, als die Motion am Nachmittag angenommen wird, ist wiederum ganz okay für mich.

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Michèle Roten
(*1979) ist Autorin, Journalistin und Kolumnistin (annabelle). Zehn Jahre lang schrieb sie für Das Magazin «Miss Universum». In Zürich betreibt sie den Secondhand-Laden «The New New».